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Es gibt Menschen, die sammeln Briefmarken, ich sammle schon mein Leben lang Kontakte.

Ich fange immer wieder von Neuem an. Neue Stadt, neues Land, neue Kultur. Nur so kann ich wachsen. Und so war es auch, als ich nach Berlin kam. Es war Herbst 2007 und ich kannte niemanden.

Ich schaute mir die Stadt an, doch der Ku´damm, der Alex und die Museumsinsel sind überall gleich. Jede Stadt hat sie, sie heissen nur anders. Es sind nicht die Sehenswürdigkeiten, die eine Stadt ausmachen, es sind die Menschen, die darin leben. Die Kreativen, die Berliner, die Zugezogenen, die Verrückten, die Klugen und der ganze Rest. Die wollte ich finden. Und ich fand sie. Zwar mit einem kleinen Umweg, aber ich fand sie. Das Leben liebt ja Umwege und so musste ich erst einen Mann kennenlernen, der mir das Blaue vom Himmel versprach und mich mit seiner bad boy Attitüde ziemlich beeindruckte. Unser erstes Date war an einem Mittwoch. Er holte mich mit seinem tiefergelegten BMW ab. Klar. Dann fuhren wir nach Mitte. Er parkte in einer Nebenstrasse und statt zu einem Restaurant, liefen wir zu einem Wohnhaus. Ich fragte ihn, ob wir nicht essen gehen wollten und er meinte, „Gehen wir doch. Wir essen heute bei Ugur.“ Man sagt Ur, ohne g, nicht Ugur. „Alles klar, aber weiss Ur, dass wir kommen? Bin ich überhaupt eingeladen? Ich kann doch nicht einfach...“

Ugur veranstaltet jeden zweiten Mittwoch ein Essen. Für Freunde und Freunde von Freunden. Hier kochen alle zusammen. Ich hatte alles erwartet – von einer Dönerbude bis zum Edelitaliener, aber bestimmt keinen Typen mit langen Haaren, bei dem Fahrräder an der Wand hängen, und der mit Freunden vegetarisch kocht. 

Im Wohnzimmer sassen Leute auf dem Boden. Ich ging in die Küche, wo schon ca. zehn Leute herumstanden und fragte, ob ich helfen könne. Grosser Fehler.

Ich wollte doch nur mein Date beeindrucken, einen auf fleissige Hausfrau machen und schon wurde mir ein Kilo Möhren in die Hände gedrückt. Es gab kein Zurück. Also setzte ich mich an den Tisch zu den anderen und begann, Möhren zu schälen. „Schönes Date“, dachte ich. Er stand im Wohnzimmer und rauchte. In solchen Momenten bereut man zutiefst mit dem Rauchen aufgehört zu haben. Zum Glück standen auf dem Tisch ein paar Flaschen Wein. Ich starrte sie vermutlich einen Tick zu lange an, denn mir wurde gleich davon angeboten.

Mein Date rauchte immer noch, mit faulen, dafür aber wohl clevereren Frauen. Ich nahm einen großen Schluck Wein und raspelte weiter. Nach dem Kilo Möhren kannte ich den ganzen Tisch.

Die Frau am Kohlrabi war im richtigen Leben Buchhändlerin, der rechts von mir Regisseur, neben ihm sassen zwei Tänzerinnen und der Kartoffelschäler war Gastronom.  Er besass drei Restaurants allein in Berlin. Das sagte er natürlich nicht. Das Gute daran  erfolgreich zu sein, ist, dass man es nicht erzählen muss. Man kann darauf vertrauen, dass es jemand anderes tut. Bescheidenheit ist die höchste Form der Arroganz. Habe ich mal gelesen. Aber auch die schönste, finde ich.

Als alles geschält, geraspelt, gewaschen und geschnitten war, machte der Gastgeber aus all dem Gemüse, Tofu und Haloumi zehn verschiedene Gerichte. Ich kam mir vor wie im Zürcher Hiltl. Wir assen alle zusammen. Leute kamen, andere gingen. Wir quatschten, assen und tranken.

Als ich gegen drei Uhr nachts vor meiner Haustür aus dem BMW stieg, war ich verliebt. Aber nicht in mein Date. Ich war verliebt in die Stadt. In ihre Möglichkeiten und ihre verschiedenen Menschen. Und das sollte auch die nächsten Jahre so bleiben, denn gute Kontakte halten ewig.

Ugur in Action (2014) Wie im Hiltl, sag ich doch. Ich kann auch Hausfrau. ;)